Das ABS – Kompakt zusammengefasst

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Wer kennt diese 3 Buchstaben nicht - ABS.

Ein System welches im PKW-Bereich schon lange zur Grundausstattung gehört ist seit ein paar Jahren auch im Motorradbereich mit an Bord, der Grund hierfür sind die immer schärferen Gesetzgebungen. Erst seit 2016 gilt die Regelung für alle neu zugelassenen Motorräder, dennoch bot der deutsche Hersteller BMW, ABS bereits knapp 30 Jahre zuvor, nämlich im Jahr 1988 bei den K-100 Modellen an. Einer der Hauptgründe, warum es im Vergleich zu den tonnenschweren Artgenossen lange dauerte, ist vermehrt technischer Natur wie einem hohen Gewicht und der höheren Komplexität und hat finanzielle Gründe in Form von Kosten – plain and simple.

Der Mensch wird stets versuchen die Grenzen verschieben zu wollen. Ein Trugschluss unter vielen Fahrern, wenn sie der Meinung sind bei einem Bremsmanöver gelten plötzlich andere Gesetze: Antiblockiersysteme helfen dabei, entziehen einen allerdings nicht aus der Verantwortung richtig zu bremsen. Eines muss einem dabei stets bewusst sein: Eine Vollbremsung am Motorrad ist immer ein Kompromiss zwischen möglichst kurzem Bremsweg und einem nicht blockierenden Vorderrade.

Nur... Wie bremst man richtig?

Grundsätzlich läuft der Bremsvorgang – mit oder ohne ABS – völlig gleich ab, nämlich unterhalb des Regelbereichs. Wer richtig bremst, kann die Stärken des Systems voll ausnutzen. Bloß, wie bremst man richtig? Die folgenden Punkte sollten jeder Fahrer oder Fahrerin aus dem Effeff beherrschen:

  • Körperhaltung Eine korrekte Körperhaltung mit angewinkelten Armen ermöglicht eine bessere Kontrolle.
  • Bremskraft Ungefähr 80% Vorderrad-, 20% Hinterradbremse und dabei möglichst nahe in Richtung (Rad)Blockiergrenze bringen.
  • Blickrichtung Die richtige Blicktechnik entscheidet, denn man fährt unterbewusst stets dorthin wohin sich der Blick richtet.
  • Knieschluss Ermöglicht eine optimale Gewichtsverteilung durch Abstützen am Tank.

Wie funktioniert ABS?

Erst wenn die bereits erwähnte Blockiergrenze überschritten wird, unterscheidet sich ein Bremsmanöver mit ABS von einem Bremsanöver ohne ABS voneinander. Völlig egal ob in einer Notsituation oder beim versehentlichen Überbremsen einer rutschigen Stelle – die Fahrzeugstabilität, die der Fahrer ohne ABS selbst wiederherstellen muss, indem er die Bremse löst und neu anlegt, garantiert dem ABS-Besitzer die Technik. Alles schön und gut – aber wie funktioniert ABS im Motorrad eigentlich?

Das System wirkt bei einem Bremsmanöver insbesondere auf nicht haftfähigem Fahrbahnbelag indem es dem Blockieren der Räder durch Bremsdruckabbau entgegenwirkt bis sich die Räder wieder drehen können, anschließend wird der Druck wiederaufgebaut. Nur wo liegt der Unterschied zum PKW?

Die Unterschied ist hier nicht zwingend in der Technik zu finden, sondern vielmehr im Zweck: Das entscheidende Kriterium beim PKW ist ganz klar Bremsweg, wohingegen es beim Motorrad vielmehr um die Reduktion der Sturzgefahr geht, insbesondere wenn das Vorderrad zum Blockieren neigt.

Wer die Bremsanlage an der Gabel seines (ABS)-Bikes bereits etwas näher betrachtet hat, wird sich vermutlich gefragt haben warum der Hersteller in Bremsscheibennähe fächerartige Aussparungen bzw. Löcher angebracht hat: An ebendieser Zahnscheibe wird mittels Induktionsgeber an jedem Rad die Raddrehzahl gemessen und im Fall einer drohenden Radblockade (das Rad kommt dabei kurzzeitig zum Stillstand) mittels Sensoren ein steiler Abfall der Radumfangsgeschwindigkeit erkannt. Anschließend wird der Bremsdruck so lange abgesenkt bis das Rad wieder rollt. Nachdem das Rad wieder zu rollen beginnt, erfolgt eine Erhöhung des Bremsdrucks bis zur erneuten Blockade – ein Vorgang (welcher auch als Regelfrequenz bezeichnet wird) der sich bis zu 15x pro Sekunde wiederholen kann. Die umfangreiche Signalverarbeitung welche dafür notwendig ist erfolgt in einer zentralen Steuereinheit mit bis zu 3000 Impulsen pro Sekunde. Bei aktivierter Zündung erfolgt dabei nach Überschreiten der Mindestgeschwindigkeit eine Art Selbsttest, wodurch erkannte Fehler – ähnlich wie beim PKW – in einem elektronischen Fehlerspeicher abgelegt werden.

Wie kann ich erkennen ob ABS aktiv ist?

Im Regelbereich des ABS spürt man die Aktivität des ABS durch ein Pulsieren im Hand- bzw. Fußbremshebel. Moderne Systeme berücksichtigen neben den Radgeschwindigkeiten durch zusätzliche Sensoren auch Neigungswinkel und Rotationsbeschleunigungen, sodass sich Reaktion der Systeme beim Bremsen in Kurven massiv verbessert hat. Hier lässt sich ein Pulsieren im Hebel häufig nicht mehr erkennt. Bei einer Vollbremsung ist man gezwungen zeitgleich mit der Bremsbetätigung auch die Kupplung zu betätigen. No-na. Während der eigentlichen Bremsphase mit hohen Verzögerungen können die Reifenreaktionen (wie Profilgeräusche oder Kratzgeräusche auf Schotter) wertvolle Informationen über die Haftgrenze geben. Denn: Eine Vollbremsung mit dem Motorrad ist immer eine Gratwanderung, darum gilt bereits bei den geringsten Anzeichen eines blockierenden Rades den Bremsdruck zu reduzieren.

Welche Arten gibt es?

Wie bei vielen anderen technischen Lösungen am und um das Motorrad, wurde auch ABS über die Jahre stetig weiterentwickelt. Die Systeme sind heute nach Motorrad-Hersteller unterschiedlich.

Die eingangs bereits erwähnte Regelfrequenzen und die Regelgüte liegt je nach Systementwicklung weit auseinander. Bei der ersten Generation, welche häufig als ABS-I bezeichnet wird, lag dieser bei maximal sieben Regelvorgänge je Sekunde, wohin gehend neueste Systeme 15 Regelvorgänge je Sekunde aufweisen können. Derartige Systeme waren bereits ab dem Jahr 1988 verfügbar und hatten ein Systemgewicht von ca. 11kg(!) Aktuelle Systeme der 6. Generation (ab ca. 2013) sind mit Schräglagesensor mit drei Beschleunigungs- und drei Gierratensensoren ausgestattet und können bis zu 100 Mal in einer Sekunde Schräglage und Nickwinkel erfassen. Ganz nebenbei haben sie mit ca. 1kg deutlich abgespeckt – auch nicht unwichtig bei einem Motorrad. Im Fachjargon ist häufig von Kurven- oder Schräglagen ABS die Rede. Dennoch: Bosch, ein namhafter und maßgeblich an der Entwicklung von ABS Systemen beteiligter Hersteller spricht auch bei der neuesten Generation (Bosch MSC) nicht explizit von Kurven-ABS, da das genannte System (bekannt als MSC) laut Herstellerangaben in gewissen Situationen auch nicht 100%ige Abhilfe schaffen kann.

Welche Grenzen gibt es für ABS?

Motorrad-ABS ist dafür ausgelegt, die Fahrstabilität bei Geradeaus-Vollbremsungen aufrechtzuerhalten – im Umkehrschluss sind Kurvenfahren, vor allem für ältere Systeme, problematisch(er). Die physikalische und systembedingte Schwierigkeit des eindrehenden Bremslenkmomentes bei einer Kurvenbremsung bleibt allerdings auch für neuere Systeme eine Herausforderung.

Des Weiteren kann eine hohe Schlupfregelung von bis zu 30% (der 2. ABS-Generation) im Extremfall im Falle einer sehr griffigen Fahrbahn kurz vor dem Stillstand zum Überschlag (sog. Stoppies) führen. Auf unebener, stark welliger Fahrbahn kann es zum kurzzeitigen Öffnen des Bremsdrucks (am Vorderrad) kommen, was beim Ausfedern durch die Entlastung einen Steilabfall der Radumfangsgeschwindigkeit zur Folge hat, obwohl der Reifen noch nicht an der Haftgrenze angelangt ist. Hier gilt es unbedingt einen ausreichenden Bremsweg einzukalkulieren um Panikattacken zu vermeiden.

Was tun ohne ABS und wenn das Rad blockiert?

Da wie im PKW jedes (Motor)Rad mit einer Bremsanlage ausgestattet sein muss, kann folglich sowohl das Hinterrad als auch das Vorderrad bei einem Bremsvorgang blockieren – im schlimmsten Fall beide. Wenn beim Bremsen das Hinterrad blockiert, kann das Heck ausbrechen, was meistens keine schlimmeren Folgen hat, das das Motorrad beim sofortigen Lösen der Bremse wieder in eine stabile Lage zurückkehren sollte. Bei einem blockierten Vorderrad kann ein ungeübter Motorradfahrer sehr schnell stürzen und sich schwer verletzten – auch geübte Motorradfahrer wissen oft nicht wie man mit einem blockierten Vorderrad umgeht.
In jedem Fall gilt: Falls das Vorderrad blockiert, sollte man die Bremse sofort lösen.

Was sind die Vor- und Nachteile von ABS?

Bremsen mit ABS erfordert keinesfalls weniger Übung als ohne, es bringt aber ein deutliches Plus an Sicherheit und einen höheren Fahr- bzw. Bedienungskomfort. Die auftretenden Kräfte und die Besonderheiten des eigenen Motorrads lernt man dabei am besten bei einem Sicherheitstraining kennen. Heutige Systeme sind technisch bereits dermaßen fortgeschritten, dass selbst die geübtesten Fahrer nicht mit ihnen mithalten und bessere Bremswerte erreichen können.

Wie sieht es derzeit in der Gesetzgebung in Europa aus?

In der Gesetzgebung wurde durch die am 1. Januar 2016 erlassene EU-Verordnung 168/2013/EU zur Typgenehmigung von Motorrädern festgelegt, dass neu zugelassene Krafträder mit einem Hubraum größer gleich 125 ccm (und über 11kW) über ein derartiges System verfügen müssen. Einzige Ausnahmen bilden dabei bestimmte Wettbewerbs- und Trial Motorräder welche – häufig konstruktionsbedingt – kaum im öffentlichen Verkehr unterwegs sind. Im Falle einer Erstzulassung tritt diese Vorschrift 1 Jahr später, nämlich mit dem 1. Januar 2017 in Kraft. Wer sich also ab sofort ein Motorrad der genannten Leistungs- bzw. Hubraumklasse kaufen möchte, muss sich gar nicht erst die Frage stellen: ABS? Ja, Nein, Vielleicht? …Definitiv!

Wie kann ich überprüfen ob alles korrekt funktioniert?

Da ABS, wie viele andere Systeme auch, aus mehreren Komponenten besteht müssen diese voll funktionstüchtig sein um auch das Gesamtsystem einsatzbereit zu machen. Eine erste Anlaufstelle zur Überprüfung der Gesamtfunktionalität ist natürlich die Kontrollleuchte im Dashboard. Dabei ist ein kurzer Blick in die Bedienungsanleitung ratsam um diese korrekt zu interpretieren. Ein defekter Sensor kann hier rasch zu einem Totalausfall des ABS führen womit eine Fahrtüchtigkeit für den Gesetzgeber nicht mehr gegeben ist und das Bike in die Werkstatt muss. Um sich nicht blind auf das Aufleuchten einer Kontrollleuchte zu verlassen (auch eine Glühbirne hat eine begrenzte Lebensdauer), sollte man das ABS-System in regelmäßigen Abständen durch ein gezieltes Bremsmanöver auf seine Funktion überprüfen. Dabei ist selbstverständlich Sorge zu tragen, dies nicht auf einer öffentlichen Straße zu machen.

Übrigens: Ein kürzerer Bremsweg ist nicht das einzige Argument für das Fahren mit dem Blockierverhinderer ABS. Das steigende Interesse der Fahrer an mehr Fahrsicherheit wird sich zwangsweise auf den (Rest)wert eines Motorrades auswirken und derartige Modelle umso attraktiver für Anfänger oder die große Gruppe der Wiedereinsteiger machen.

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